von Matthias Harbeck

Die Stereotypenforschung beschäftigt sich im Wesentlichen mit den zugewiesenen Eigenschaften von menschlichen Gruppen zum Zwecke der gegenseitigen Abgrenzung. Man kann hierbei grundsätzlich von gruppenspezifischen, kulturell tradierten Zuschreibungen von sozialpsychologischen Eigenschaften ausgehen, die oftmals – nach Hans Henning Hahn – emotional aufgeladen sind und sich nach Auto- und Heterostereotypen, also Eigen- und Fremdzuschreibungen, aufteilen und untersuchen lassen. Durch ihre kulturelle Tradierung und die extreme Langlebigkeit und Starrheit der Stereotypen schlagen sich diese in den kulturellen Produktionen der Gruppen/Gesellschaften nieder, sind daher historisch nachweisbar, in ihrer Entwicklung untersuchbar und im besten Fall auch von ihrem Ursprung herleitbar.

Vereinfacht gesprochen bedeutet dies, dass wir beispielsweise eine Person oder Personengruppe anhand äußerlicher Merkmale einer wie auch immer gearteten kulturellen Gruppe (das können Nationalitäten, Ethnien, aber auch Subkulturen, Geschlechter oder sexuelle Orientierungen, Sportfans, Berufs- oder Altersgruppen, etc. sein) zuordnen und dieser dann emotional aufgeladene Eigenschaften zuschreiben. Ein Beispiel (und ich konstruiere hier bewusst einen hypothetischen, polemischen Fall) hierfür wäre es, in Deutschland beim Anblick einer Kopftuch tragenden, dunkeläugigen Frau davon auszugehen, dass es sich um eine in ihrer Gleichberechtigung unterdrückte Muslima handelte. Es wären andere Deutungen des Erscheinungsbildes möglich, diese Deutungen wären uns vielleicht sogar bekannt, aber wir würden dennoch ohne nähere Informationen genau diese Kategorisierung vornehmen und uns dabei gleichzeitig davon abgrenzen, indem wir den unterstellten anti-emanzipatorischen Aspekt der Erscheinung implizit (oder gar explizit) kritisieren/kritisch sehen und in einen Gegensatz zu unserer vermeintlich emanzipierteren westlich-europäisch-deutschen Kultur setzen (ganz ungeachtet davon, wie sehr wir selbst emanzipiert sind…).

Hier wären dann mehrere Zuordnungen wirksam, die jede für sich einzeln möglicherweise nicht dieselben Schlussfolgerungen und Kategorisierungen nach sich ziehen würden: Eine dunkeläugige Frau ohne Kopftuch würden wir nicht genauso schnell einer Religionsgruppe zuordnen und außerdem den Faktor Unterdrückung nicht unbedingt im gleichen Maße mitdenken. Bei einer blauäugigen Frau mit Kopftuch würden wir auf weitere Kriterien achten, um zu dieser Zuordnung zu kommen (restliche Kleidung, ggf. Alter, Region in der man sie trifft, Verhalten). Hinzu kommt, dass diese Stereotypisierungen in unserer Gesellschaft vielleicht einigermaßen funktionsfähig wären, da es bei uns einen Diskurs um „Kopftuchmädchen“ gibt, kulturell gemünzte Schimpfworte wie „Ölaugen“ Verwendung finden und sich die Kombination Frau – Kopftuch – dunkle Augen in unserer heterogenen Gesellschaft immer noch für viele zu einem (vermeintlich) phänotypisch-kulturell Anderen aufbauen lässt.

In Indien wären die Assoziationen zu dem Erscheinungsbild sicherlich andere und diese jetzt von mir konstruierten deutschen Stereotype würden hier vermutlich nicht verstanden werden. Und auch im Deutschland vor 60 Jahren hätte die Beschreibung dunkeläugige Frau mit Kopftuch nicht notwendigerweise dieselben Konnotationen hervorgerufen, da zum einen die Vertrautheit mit muslimischer Bevölkerung eine andere war und vor allem das Kopftuch als Gegenstand anders stereotypisiert war. Können Gegenstände also stereotypisiert sein? Oder sind sie nur im Kontext einer Person unterstützendes Element zur Stereotypisierung der jeweiligen Gruppe?

Will Eisner, amerikanischer Comiczeichner und einer der Schöpfer des Begriffs „Graphic Novel“ hat in seiner Abhandlung über „Grafisches Erzählen“ einzelnen Gegenständen Attribute zugeordnet, die er scheinbar als allgemeinverständlich voraussetzte.

Abb. 1: Zuschreibungen von Eigenschaften zu Objekten nach Eisner (S. 27)

Viele der von Eisner dort genannten Zuschreibungen überzeugen nicht vollends, da sie sehr stark vom subjektiven Eindruck abzuhängen scheinen (Messer, Schlüssel) und bei wenigen eine kulturelle Gruppenzuschreibung erkenntlich wäre. Obwohl man sich durchaus in Eisners verschiedene Begriffspaare zu den einzelnen Gegenständen hineindenken kann (die Kerze als gemütliches Licht, die Taschenlampe als Instrument des Einbrechers), sind diese Beispiele sehr einfach auch umkehrbar und stark kontextabhängig und liegen nicht eindeutig auf der Hand, sind also nicht in unserer Kultur (und ich wage zu behaupten auch in der US-amerikanischen nicht) verankert und tradiert. Auf der anderen Seite könnte man leicht weitere Beispiele für solche Begriffspaare finden, z.B. automatische Schusswaffen gegen „elegante“, „ehrenvolle“ Duellwaffen – von der Duellpistole zu noch angeseheneren Formen wie Degen oder Schwerter. Auch Energiequellen (fossile Energien vs. erneuerbare Energien) lassen sich hier anführen, die gerade aktuell mit Emotionen aufgeladen werden. All diese Beispiele sind allerdings in ihrem gesellschaftlichen und situativen Kontext zu sehen und es ist fragwürdig, ob sie wirklich für eine Gruppe universell verständlich und eindeutig sind. Sie wirken nicht für sich selbst, sondern jeweils im Kontext zugeordnet zu einer Gruppe von Personen, sodass man auch hier von einer „stellvertretenden Objektstereotypisierung“ ausgehen könnte.

Ein gutes Beispiel hierfür ist das Medium Comics selbst: Lange Zeit wurden diese als Kinderkram oder „Schmutz und Schund“ eingestuft. Der Blick darauf war eindeutig emotional aufgeladen und es wurden dem gesamten Medium ohne Differenzierung verallgemeinernde Eigenschaften zugeschrieben. Dies scheint in Richtung Stereotypisierung hinzuweisen, eine Starre bzw. Langlebigkeit lässt sich historisch ebenfalls aufzeigen. Allerdings fehlt notgedrungen die Kategorisierung in Auto- oder Heterostereotyp. Es sei denn, man würde Buch, Kunst oder auch Film als Gegenüber sehen wollen und diese gegeneinanderstellen.

Die Frage nach dem Autostereotyp führt dann aber zu der Beobachtung, dass dies vor allem eine Übertragung von Stereotypisierungen der „AnwenderInnen“ auf ihre „Nutzungsgegenstände“ ist: BildungsbürgerInnen, die Buch- und Kunst-affin sind, werten Comiclesende ab und sich auf – jeweils über ihre (vermeintlich) präferierten Rezeptionsmedien. Das eigentliche Stereotyp ist das des Comiclesenden und nicht des Comics an und für sich. Das Objekt Comic ist also nur im Kontext einer gesellschaftlichen Debatte mit verschiedenen Gruppen, die sich in Wir- und Fremdgruppen abgrenzen (wollen) in dieser Form stereotypisiert: eindeutig ein Fall von stellvertretender Objektstereotypisierung.

Die abgrenzende, emotionalisierende Wirkung von Stereotypen wohnt Gegenständen nicht per se inne, da sie sich selbst von nichts abgrenzen wollen. Es sind kulturelle Zuschreibungen, die von Menschen gemacht werden, um sich mittels der Gegenstände von anderen ihnen zugeordneten Personen und Menschengruppen unterscheiden zu können.

Daran anknüpfend kann dann auch gefragt werden, wie es mit Tieren steht… Sind die durchaus vorhandenen Stereotypisierungen von Katzen, Hunden, Pferden, Schlangen, etc. – die ja deutlich emotional aufgeladen und kulturell bedingt sind – Stereotypisierungen für sich oder ebenfalls Stereotypisierungen, die im Zusammenhang mit menschlichen Gruppen stehen, die auf spezifische Tiere übertragen werden? Eine Analogie zu den Objekten ist naheliegend, denn auch hier geht die Abgrenzung nicht von den Tieren selbst aus, sondern von den ihnen nahestehenden menschlichen Gruppen.

 

Literatur:

Eisner, Will: Grafisches Erzählen. Comic Press 1998.