von Tobias Weger

Wer schon einmal auf der Autobahn von München in Richtung Inntal und Salzburg unterwegs war, hat möglicherweise vom höchsten Punkte der gesamten Strecke aus, dem Irschenberg, ein bekanntes oberbayerisches Postkarten-Motiv wahrgenommen: eine barocke Kirche mit Zwiebelturm, daneben eine kuppelbekrönte Kapelle, im Hintergrund erheben sich die Schlierseer Berge und das Mangfallgebirge mit dem Wendelsteinmassiv, nach Osten zu öffnet sich der Blick ins Inntal, das bei gutem Wetter auch die Sicht auf den Wilden Kaiser im benachbarten Tirol freigibt. Es lohnt sich, am Irschenberg die Autobahn zu verlassen. Bei besagtem Gotteshaus handelt es sich um die Wallfahrtskirche St. Marinus und Anianus, die mit dem beliebten Ausflugsgasthaus „Moarhof“ den Weiler Wilparting bildet.

Abb. 1: Blick vom Irschenberg auf Wilparting und die Schlierseer Berge. © Tobias Weger, 3.5.2020.

Marinus war ein irischer Missionar des 7. Jahrhunderts. Gemeinsam mit seinem Neffen Anianus reiste er nach Rom, wo er von Papst Eugen I. († 657) zum Bischof geweiht und mit der Christianisierung heidnischer Völker beauftragt wurde. Marinus und Anianus gelangten nach Oberbayern, wo sie der Legende nach 40 Jahre lang ein frommes Leben führten. Die Legende berichtet, Marinus sei im Jahre 697 von „Wandalen“ heimgesucht und schließlich durch Folter und Verbrennen umgebracht worden. Er und sein Neffe Anianus, der am selben Tag wie sein Onkel – allerdings eines natürlichen Todes – gestorben sein soll, wurden von der römischen Kirche heiliggesprochen, der Namenstag des Marinus wird am 15. November begangen.

Abb. 2: Die Wallfahrtskirche St. Marinus und Anianus sowie die Vituskapelle von Wilparting, im Hintergrund das Wendelsteinmassiv. © Tobias Weger, 3.5.2020

Wilparting erfreute sich als regionales Wallfahrtsziel im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit großer Beliebtheit, deren äußerer Ausdruck die bereits erwähnte Kirche ist. Sie war nie eine eigenständige Pfarrkirche, sondern stets eine Filiale der Pfarrei Irschenberg. Diese verwickelte sich im 18. Jahrhundert mit der Benediktinerabtei Rott am Inn, die ebenfalls für sich beanspruchte, die Gebeine der Heiligen Marinus und Anianus zu besitzen, in einen langwierigen Streit. Der Fall landete zur Klärung bei der zuständigen Diözese Freising, die eine Untersuchung anordnete, als deren Ergebnisse Wilparting als realer Begräbnisort identifiziert wurde. Vermutlich zur Bekräftigung dieses Urteils ließ der Irschenberger Pfarrer Johann Dinzenhofer († 1744) im Jahre 1723 einen Zyklus von Leinwandgemälden anfertigen.[1] Die Szenen aus der Vita von Marinus und Anianus schuf der Aiblinger Maler Johann Blasius Vicelli (1651–?), der ursprünglich aus dem Dorf Sillian im Hochpustertal stammte und sich 1671 im kurfürstlich bayerischen Markt Aibling niedergelassen hatte. Dargestellt sind, beginnend mit dem Auszug aus Irland, Begebenheiten aus dem Leben der beiden Heiligen. Die Abfolge endet an der nördlichen Langhausinnenwand mit Gemälden zum Martyrium des Marinus und dem Tod des Anianus.

Abb. 3: Inneres der Wallfahrtskirche St. Marinus und Anianus in Wilparting. © Tobias Weger, 3.5.2020

Sarmaten, Slawen, Polen

Nach dieser ausführlichen Vorgeschichte, die zum Verständnis des Folgenden erforderlich war, setzt nun die historische Stereotypenforschung ein. Wilparting liefert nämlich ein hervorragendes Beispiel dafür, wie aus einer Mischung aus historischer Legenden- und Mythenbildung, Hagiographie, Verwechslungen, Selbstmythisierung und Fremdzuschreibungen ein historisches Stereotyp entstehend konnte, das eine drastische ikonographische und verbale Ausformung gefunden hat: Auf einem der Bilder tritt dem ins Gebet versunkenen Bischof Marinus eine Gruppe bewaffneter Männer entgegen. Deren Anführer ist nach dem Verständnis des 18. Jahrhunderts als „Sarmate“ erkennbar, also so, wie sich seit der Zeit des Humanismus Vertreter der polnischen Szlachta, des Kleinadels in Polen-Litauen, selbst inszenierten. Die orientalisch wirkende und im westlichen Europa der Zeit häufig als recht exotisch wahrgenommene Bekleidung sollte ein Hinweis auf die imaginäre Herleitung der Szlachta von den antiken Sarmaten sein.[2] Der Anführer des Bildes in Wilparting trägt auf seinem Kopf einen „Kołpak“, eine federgeschmückte Mütze. Seinen Körper bedeckt ein „Żupan“, ein langes, helles Seidenkleid, darüber ein roter, hier dramatisch wallender „Kontusz“ (Mantel). Da es sich um eine Kampfbekleidung handelt, fehlt auch ein Brustpanzer nicht, der vermutlich den „Pas“, einen um den Bauch gebundenen Seidengürtel, bedeckt, an dem der links am Körper ein Säbel baumelt. Auch die „Spodnie“ (Beinkleider) und die „Baczmagi“ (Stiefel) fehlen nicht. Kein Zweifel, hier ist der stereotype Inbegriff eines frühneuzeitlichen Polen zu sehen. Wie aber gelangt ein solches Bild in eine Kirche in der oberbayerischen Provinz? Und wie ist der Titel des Bildes zu deuten, der da lautet: „Der heil. Marin wird von den wilden raubgierigen Slaven in seiner Einöde aufgefunden.“?

Abb. 4: Ausschnitt aus einem Bild aus der gemalten Heiligenvita des Marinus und des Anianus von Johann Blasius Vicelli. © Tobias Weger, 3.5.2020

Über die genauen Hintergründe der Abbildung lässt sich nur spekulieren, da über den Auftraggeber und den Künstler nicht viel bekannt ist. Als das Bild in Auftrag gegeben wurde, hatte das Kurfürstentum Bayern eine aus Polen stammende Herrscherin: Therese Kunigunde (1676–1730), die einzige Tochter des Königs Jan III Sobieski (1624–1696) – eines der wichtigsten Förderer des „Sarmatismus“ in Polen –, war im Jahre 1695 mit dem bayerischen Kurfürsten Max II. Emanuel (1662–1726) verheiratet. Da die Trauung allerdings in Wesel im Niederrhein stattfand, ist nicht anzunehmen, dass viele polnische Adelige im Gefolge der Braut durch Bayern gereist waren. Als Vorlage dürften Vicelli daher eher zeitgenössische Kostüm- oder Völkerbilder gedient haben, wie sie im 18. Jahrhundert verbreitet waren. Solche „Typen“ fanden sich etwa auch auf den Rändern aufwändig gestalteter Landkarten aus Druckerwerkstätten in den Niederlanden, in Augsburg oder Venedig.

Wie aber kommen hier die „Slawen“ ins Spiel, für die der Künstler offensichtlich pars pro toto das verbreitete Bild eines Polen wählte? Wirft man einen Blick in die zeitgenössische bayerische Historiographie und Hagiographie, so werden als Marinus‘ Mörder häufig die „Vandalen“ genannt. In einer Ende der 1730er-Jahre angefertigten Matrikel des Bistums Freising heißt es beispielsweise beim Eintrag über Wilparting zum Heiligen Marinus: „[…] qui a Wandalis ob fidem catholicam fuit combustus“ [der aufgrund des katholischen Glaubens von den Wandalen verbrannt wurde].[3] Auch in einer 1725 gedruckten, aber bereits älteren Vita SS. Marini et Aniani wurde betont, die Vandalen, „infedilis & tyranicus populus“ [ein ungläubiges und tyrannisches Volk], hätten die Alpen überquert und in Bayern ihr Unwesen getrieben.[4] Auf die Wandalen nimmt auch die Inschrift des Hochgrabes für Marinus und Anianus Bezug, das im Presbyterium der Kirche in der Amtszeit des Freisinger Bischofs Joseph Ludwig von Welden (1727–1788) – zwischen 1768 und 1788 – errichtet wurde.

Vandalen, Wenden, Slawen

Betrachtet man die Zuschreibung der blutigen Tat von Wilparting an das ostgermanische Volk der Vandalen im Lichte der Realgeschichte, steht ihr entgegen, dass Marinus im Jahre 697 getötet worden sein soll, das Vandalenreich aber bereits 534 in Nordafrika von den Oströmern besiegt worden war. Die Vandalen sollen anschließend in Nordafrika erfolgreich assimiliert worden sein und waren damit nicht mehr zu eigenständigen Feldzügen in der Lage.

An dieser Stelle kommt eine folgenreiche Gleichsetzung ins Spiel, die sich seit dem Mittelalter in Teilen der europäischen Geschichtsschreibung nachweisen lässt.[5] Seit dem Mittelalter hat man nämlich in unterschiedlichen Kontexten versucht, die antiken Vandalen – ein Volk aus der Gruppe der Germanen – mit den „Wenden“ – einer alternativen Bezeichnung der Slawen – gleichzusetzen. Die polnischen Chronisten Wincenty Kadłubek (1150–1223) und Jan Długosz (1415–1480) haben diesen Mythos ebenso propagiert wie der Hamburgische Geistliche und Historiker Albrecht Krantz (1448–1517). Im Mittelalter erfüllte die Gleichsetzung von Wandalen und Wenden in der Autostereotypisierung der Polen die Funktion, das christliche Polen an die westliche Welt anzubinden, indem eine vermeintliche ethnische Verwandtschaft mit den Germanen konstruiert wurde.

Im 16.–18. Jahrhundert stellte jedoch die Idee des Sarmatismus in Polen gerade diese westliche Verwandtschaft in Frage, betonte die nationale Eigenständigkeit der Polen und erfand deshalb eine sarmatische Ethnogenese – die Vorstellung, die polnische Nation, als die seinerzeit lediglich die Angehörigen der Szlachta und der Magnateria, also des niederen und des hohen Adels aufgefasst wurden, stammten von den antiken Sarmaten ab. Man war zwar in seiner Eigenwahrnehmung noch stets das „Antimurale Christianitatis“, das Bollwerk der römischen Christenheit gegenüber der Orthodoxie und den Osmanen, und folgerichtig unterschieden polnische Kartografen der Frühen Neuzeit zwischen der „Sarmatia Europaea“ als Verkörperung der Polnisch-Litauischen Adelsrepublik und der „Sarmatia Asiatica“, einem Synonym für das aufstrebende Russländische Reich. Mit den germanischen Vandalen wollte man nun aber nichts mehr zu tun haben.

Anders war ganz offenkundig die „westliche“ Sichtweise zu jener Zeit. Im wichtigsten deutschsprachigen Nachschlagewerk des 18. Jahrhundert, dem Grossen Vollständigen Universal-Lexicon von Johann Heinrich Zedler (1706–1751) lesen wir im Lemma „Vandalische Städte“: die „ […] Vinidi, deutsch Wenden, auch Slavi genannt, eine sarmatische Nation aus Ungarn und Pohlen“.[6] Überrascht angesichts dieses Befundes die bildliche Darstellung eines polnischen Sarmaten in der Wallfahrtskirche von Wilparting?

Als der Bilderzyklus geschaffen wurde, scheint sich in der bayerischen Regionalliteratur die auf der oben genannten Gleichsetzung von Vandalen und „Wenden“ beruhende Annahme bereits durchgesetzt zu haben, Marinus und Anianus seien von „Slawen“ ums Leben gebracht worden. Johann Heinrich von Falckenstein (1682–1760), ein brandenburgisch-ansbachischer Hofrat, der vom protestantischen zum katholischen Glauben konvertiert war, schrieb 1734 unter Berufung auf andere Quellen über das Leben der beiden Heiligen:

[…] da aber die Slavi zu ihrer Zeit einen grausamen Einfall in Bayern thaten, alles plünderten und verwüsteten, wo sie hinkamen, vermeyneten sie, sie würden auch in denen Hütten dieser beyden Heiligen Beute machen können, und nahmen ihnen ihr schlechtes Haus-Geräth hinweg. Da sie sich aber damit nicht begnügt befunden, und in denen Gedancken stunden, ob wäre ihr bestes Vermögen und Baarschafft von ihnen verstecket worden, fiengen sie an, den Heiligen Marinum zu martern, und verlangeten, er solle anzeigen, wo er sein Geld habe: Dieser aber zeigete mit der Hand gen Himmel, sprechende, dort sey sein Schatz, und sofern sie dergleichen auch verlangeten, wolle er ihnen Mittel und Wege dazu zeigen. Mit diesem war ihnen aber nicht gedienet, sondern sie begehreten im Gegentheil, er solle Christo abschwören, und ihnen offenbaren, wo die Begüterte im Lande ihr Geld hätten, dann er sey von denen Innwohnern als ein Vatter des Landes gehalten und verehret worden, mithin werde er auch wissen, wo jeder sein Geld verborgen habe: In sofern er aber sich dessen weigern würde, wollten sie ihn mit der grösten Marter schon zum Bekennen bringen. Auf diese Bedrohung erschrack aber der Heilige Marinus im geringsten nicht, sondern sagte standhafft zu denen Barbaren: Er könne aus seiner Zelle nicht lebendig, von Gott aber auch nicht einmahl tod weggebracht werden. Auf welches die mörderische Hunde noch grimmiger wurden, ihn anfielen, und erstlich folterten, nachgehends aber lebendig verbrannten.“[7]

In der örtlichen Überlieferung hielt sich die Slawen-These ebenfalls hartnäckig. Alexander Joseph Streiter (1710–1797), Pfarrer von Irschenberg, gab noch 1780 ein Andachtsbuch mit Kurzbiographien der beiden Ortsheiligen sowie Gebeten zu ihrer Verehrung heraus. Darin heißt es:

„[…] Nach der Zeit kam ein abgöttisches, wildes und grausames Volk der herum irrend-flüchtigen Wenden und Sclaven über das Alpengebirg, welche alles blinderten [plünderten] und raubten, was ihnen unter die Händ kame: diese dann kommen auch zu der Hütten des heiligen Bischofs Marinus, fanden ihn auf den Knien liegend im Gebeth begriffen. […]“[8]

Und sogar 1860 schrieb der Münchner Heraldiker und Historiker Otto Titan von Hefner (1827–1870) in seiner Chronik von Rosenheim noch von einer „Rotte plündernder heidnischer Wenden“.[9] Hatte der Autor hier möglicherweise die zeitgenössischen bayerischen Preußen-Stereotypen im Kopf, die neben der Betonung kultureller (konfessioneller, sprachlicher) Differenzen auch die Angst vor einer möglichen Überfremdung durch die im Osten Preußens zahlreich lebenden Polen beinhaltete?

Ein Gegenbild des aufgeklärten Katholizismus

Als Gegentendenz lässt sich in der Literatur seit der Aufklärungszeit, für deren Beginn in Bayern die denkwürdige Errichtung der Bayerischen Akademie der Wissenschaften im Jahre 1759 steht, eine Distanzierung von solchen ethnischen Zuschreibungen feststellen. Einer der bedeutendsten bayerischen Beamten der napoleonischen Zeit war der nebenberuflich als Regionalhistoriker und Publizist tätige Joseph von Obernberg (1761–1845), seit 1803 ordentliches Mitglied der genannten Akademie. Er kannte Bayern dank seiner regen Reisetätigkeit aus eigener Anschauung sehr gut und betrieb darüber hinaus ein kritisches Quellenstudium. Auch der Ort Wilparting und die mit ihm verbundene Legende des heiligen Marinus waren ihm vertraut. In einer 1815 in München veröffentlichten Beschreibung des Isarkreises schrieb von Obernberg, Marinus sei „von einem fremden Raubgesindel“ entdeckt und umgebracht worden.[10] Drei Jahre später legte derselbe Autor eine Sammlung bayerischer Heiligenlegenden vor, und auch dort hielt er sich mit einer klaren Zuschreibung zurück, indem er als äußerte, die Schuld an Marinus‘ Tod trage eine „wilde ungezügelte Rotte (man weiß nicht, woher und von welchem Volke)“.[11]

Autoren der katholischen Aufklärung in Bayern teilten im 19. Jahrhundert diese Unbestimmtheit bei der Benennung der Mörder, so dass lediglich „räuberische Banditen“[12] oder „eine Rotte wilder Räuber“[13] der Gewalttat bezichtigt wurde.

Stereotypen und Hagiographie

Der realhistorische Hintergrund der Mordtat von Wilparting im Jahre 697 wird sich nie mehr mit abschließender Gewissheit klären lassen. Ob es sich tatsächlich um „Wenden“, also möglicherweise über die Alpen gezogene Slowenen, gehandelt hat oder um einheimische, bajuwarische „Räuber“, lässt sich angesichts des Fehlens zeitgenössischer Quellen und auch der Absenz eindeutiger archäologischer Belege nicht mehr bestimmen. Da mein Anliegen nicht darin besteht, eine über 1.300 Jahre zurückliegende Gewalttat kriminalistisch zu erhellen, sondern deren spätere mentale Verarbeitung im Lichte der Historischen Stereotypenforschung zu betrachten, ist diese Frage letztlich auch unerheblich.

Interessant ist vielmehr die Tatsache, dass die barocke Hagiographie in Wort und Bild ethnische und nationale Stereotypen, die zu jener Zeit gängig waren, in ihre Narration integriert hat. Da man im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts sicherlich seine Schwierigkeiten gehabt hätte, ein ikonografisches Muster eines „Slawen“ der Völkerwanderungszeit zu finden, musste ein typologisch bekanntes Bild eines Polen als Vorlage herhalten. Der „exotische“ Sarmate steht für das Fremde, Unverständliche und damit nicht Zugehörige. Die Bildlegende, in der „von wilden, raubgierigen Slaven“ die Rede ist, stößt die Slawen aus und kriminalisiert sie kollektiv.

Abb. 5: Das Martinsmünster von Fischbachau. © Tobias Weger, 3.5.2020

Eine solche Sichtweise, die in Teilen der katholischen Publizistik verbreitet war, wurde, wie wir gesehen haben, durchaus nicht von allen Autoren geteilt. Auch in anderen katholischen Imaginationen gibt es durchaus Beispiele dafür, dass Polen im Oberbayern jener Zeit als integraler Bestandteil der europäischen Katholizität angesehen wurde. Etwa 15 Kilometer südlich von Wilparting liegt das Martinsmünster von Fischbachau, eine ursprünglich romanische, im 18. Jahrhundert barockisierte Kirche. Im linken Seitenschiff der Basilika befindet sich ein um 1737 geschaffenes Deckenfresko von Melchior Puchner (1695–1758), auf dem die Marienverehrung in unterschiedlichen europäischen Ländern und deren Förderung durch die Benediktiner dargestellt ist. Personifizierungen der einzelnen Nationen halten die Gnadenbilder von Notre-Dame-du-Puy (Gallia), Montserrat (Hispania), Maria Pötsch/Máriapócs (Hungaria), „Salus Populi“ in Santa Maria Maggiore in Rom (Italia), Mariazell (Austria), Einsiedeln (Helvetia) und Tschenstochau/Częstochowa (Polonia). Einer Bavaria, die die Schwarze Muttergottes von Altötting hochhält, wird zusätzlich noch das Gnadenbild von Ettal entgegengebracht. Auch hier haben wir es mit einer durch Kleidungselemente und nationale Symbole – etwa der Bourbonenlilie im Gewand der Gallia und dem Rautenkleid der Bavaria – gekennzeichneten Stereotypisierung zu tun, jedoch mit einer positiven. Im Unterschied zu der Darstellung von Wilparting zeigt das Fresko in Fischbachau eine integrierende Funktion an: Die katholischen Polen gehören ebenso wie die katholischen Ungarn zur Familie der römischen Christenheit und sind damit den übrigen katholischen Nationen gleichgestellt. Historische Stereotypen können also, je nach Aussage und Funktion, entweder provinziell-ausgrenzend oder universalistisch-integrativ angelegt sein.

Abb. 6: Deckenfresko im linken Seitenschiff des Martinsmünsters von Fischbachau. © Tobias Weger, 3.5.2020


[1] Joseph Grassinger: Geschichte der Pfarrei und des Marktes Aibling. München 1857, S. 19; Lemma „Wilparting“. In: Ernst Götz u. a.: Georg Dehio Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Bayern IV: München und Oberbayern. München, Berlin 1990, S. 1288.

[2] Dazu ausführlich Maria Bogucka: Kultura Sarmatyzmu w Polsce XVI–XVIII wieku [Die Kultur des Sarmatismus im Polen des 16.–18. Jahrhunderts]. Warszawa 2016.

[3] Martin von Deutinger (Hg.): Fortsetzung der Kanonicus-Schmidtischen Matrikel des Bisthums Freysing vom Jahre 1738–1740 (Die älteren Matrikeln des Bisthums Freysing 2). München 1849, S. 69.

[4] Vita SS. Marini, & Aniani à RR. Parochis Irschenbergensibus concepta, & uti luculenter patet, ex Johannis à Via editione de anno 1579. In: Sacra Rituum Congregatione Eminentissimo, & Reverendissimo D. Card. Ptolomeo ponente Frisingen. Pro Rmo. Abbate, & Ven. Monasterio Rothensi Ordinis S. Benedicti Conta Reu. Parochum Irschenbergensem. Restrictus Facti, & Juris. [Freising] 1725, o. S.

[5] Roland Steinacher: Die Vandalen. Aufstieg und Fall eines Barbarenreichs. Stuttgart 2016, S. 115–120.

[6] Lemma „Vandalische Städte“. In: Johann Heinrich Zedler (Hg.): Grosses vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschaften und Künste […]. Band 46. Leipzig 1745, Sp. 508f., hier: Sp. 508.

[7] Johann Heinrich von Falckenstein: Antiquitates et Memorabilia Nordgaviae Veteris, Oder: Nordgauische Alterthümer und Merckwürdigkeiten. Schwabach MDCCXXXIV [1734], S. 224.

[8] Alexander Joseph Streiter: Kurze Nachricht von dem Leben, Marter, Tod und Ruheplatz der zween Heiligen Marinus, Bischofs und Martyrers, und Anianus, Diacons und Beichtigers, zu Wilparting […]. Kloster Tegernsee 1780, S. 8f.

[9] Otto Titan von Hefner: Die Chronik von Rosenheim. Rosenheim 1860, S. 19.

[10] Joseph von Obernberg: Reisen durch das Königreich Baiern. I. Theil: Der Isarkreis. II. Heft. München 1815, S. 274.

[11] Joseph von Obernberg: Legende der Heiligen in Baiern. Herausgegeben zur Belehrung und Erbauung. München 1818, S. 81.

[12] Wilparting. In: Wochenblatt für das christliche Volk, Nr. 33, 19.8.1877, S. 430f., hier: S. 430.

[13] 8. Mai. Die Heiligen Marinus (Maurinus), Bischof, und Anianus (Decanus), Diakon, Märtirer, † 697. In: Ludwig Donin: Leben und Thaten der Heiligen Gottes oder: Der Triumph des wahren Glaubens in allen Jahrhunderten. III. Band. Graz 1879, S. 87–91, hier: S. 88.

One thought on “„Von wilden, raubgierigen Slaven“ – Ein Stereotypenfund in einer oberbayerischen Kirche”

  1. Eine super gemachte Recherche und noch dazu schön zu lesen!
    Historische Stereotypisierungen auf zu decken führt immer wieder auf die heutigen Spuren der Geschichtsvergessenheit – oder Unwissenheit – von „uns“ Bayern. Nach so mancher Darstellung waren ja die Slawen seit der Völkerwanderung in Bayern zur Zeit von Marinus schon längst heimisch geworden, ebenso wie versprengte Römer und andere Zuflucht Suchende.
    Am gefährlichsten für Missionare scheint ja noch immer die ortsansässige Bevölkerung gewesen zu sein. Das wäre aber zur Zeit von Vicelli schwer vermittelbar gewesen, sodass Stereotypen und Verfremdungen herhalten mussten, die offenbar gut in den damaligen Zeitgeist passten. Kompliment!

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