Beruht die gegenwärtige Angst vor Russland auf unaufgearbeiteten Stereotypen?

Ein Text von Eva Hahn

Today, the Russian government is brazenly assaulting the foundation of Western democracy around the world. Under President Vladimir Putin, the Kremlin has launched a coordinated attack across many domains ― military, political, economic, informational ― using a variety of overt and covert means.” (Joseph R. Biden, Jr. / Michael Carpenter: How to Stand Up to the Kremlin. Defending Democracy Against Its Enemies, in: Foreign Affairs 5. 12. 2017)

Mit diesen Worten präsentierten der ehemalige US-Vice President Joe Biden und der ehemalige US Deputy Assistant Secretary of Defens Michael Carpenter in der angesehenen Zeitschrift Foreign Affairs das populäre Bild, mit dem heute in den Ländern der Atlantischen Allianz die Angst vor Russland begründet wird. Über diese Angst wird allerorts geredet, Panzer werden an der russischen Grenze aufgefahren, Wirtschafts- und Finanzsanktionen sollen das Land zur Vernunft bringen. Viele Amerikaner fürchten sich vor Putins Geheimagenten und Maßnahmen werden ergriffen, um Russen und Personen mit Kontakten zu ihnen unter Generalverdacht zu stellen, ja selbst russische Sportler müssen um ihr Recht bangen, an internationalen Wettkämpfen teilzunehmen. Es werden allerlei Maßnahmen ergriffen, um die Bürger freier demokratischer Länder vor allen als russische Propaganda abgestempelten Informationen zu schützen, freie Wahlen werden als ein Risikounternehmen präsentiert, ja selbst das traditionsreiche Wahlsystem in den USA solle reformiert werden: „Western democracies must also address glaring vulnerabilities in their electoral systems, financial sectors, cyber-infrastructure, and media ecosystems. The U.S. campaign finance system, for example, needs to be reformed to deny foreign actors ― from Russia and elsewhere ― the ability to interfere in American elections“, meinen die soeben zitierten zweifellos politisch einflussreichen Autoren.

Der einstige Eiserner Vorhang zwischen Russland und dem Rest des europäischen Kontinents steht noch nicht wieder, aber die ersten Bauarbeiten sind im Gange; im Jahr 2014 hat die ukrainische Regierung das Projekt „Stina“ (Mauer) beschlossen und an der russisch-litauischen Grenze wächst ein Zaun. Die Beziehungen westlicher Länder zu Russland ähneln immer mehr denen während des Kalten Krieges. Damals schien es, als müsste man die Ursache im Denken und Handeln der kommunistischen Diktatur Moskaus suchen und kaum jemand stellt sich bis heute die Fragen, ob die Spaltung des Kontinents nicht eher ein Produkt der bis heute fortwirkenden Angst vor Russland gewesen sei. Wer hat wann eigentlich Angst vor wem und warum?

Sicher ist nur, dass führende westliche Politiker und Medien ehemals den Kommunismus und heute Russland als eine Bedrohung der freien demokratischen Staatengemeinschaft präsentieren und in allen Gesellschaften viel Zustimmung finden, obgleich sie damals ebenso wie heute auch kritischem Widerspruch begegnen. Wie in Bildern einer äußeren Bedrohung üblich, werden deren Kritiker auch in diesem Fall häufig als innenpolitische Gefahr stigmatisiert; früher galten die linken Teile des politischen Spektrums als eine potenzielle fünfte Kolonne, und ähnlich beschuldigt man heute oft die rechten Populisten, und nicht nur die. (Yuriy Gorodnichenko / Gérard Roland / Edward W.: Putins fünfte Kolonne gefährdet die EU, in: Die Welt 17. 2. 2015) Im Lauf der Geschichte ändert sich vieles, aber sie weist auch Kontinuitäten auf. Zu den hartnäckigsten Begleitern aller historischen Entwicklungen gehören Stereotypen. Wenn man Angst hat und sich im politischen Denken und Handeln nicht allein seinen Emotionen ausliefern will, empfiehlt es sich daher zu allererst, über das öffentliche Reden nachzudenken und bei Stereotypen zu beginnen. Natürlich bestimmen sie nicht das politische Geschehen allein, aber als wichtige Bausteine unserer mental maps spielen sie im Diskurs jeder Gesellschaft eine wichtige Rolle. Umso mehr Aufmerksamkeit verdienen sie daher bei der Betrachtung politischer Entscheidungsprozesse in Situationen, die vielen Politikern, Journalisten und Bürgern als bedrohlich erscheinen.

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Die Angst vor dem Kommunismus ist älter als die kommunistischen Diktaturen. Karl Marx und Friedrich Engels beobachteten sie schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts: „Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus. Alle Mächte des alten Europa haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet, der Papst und der Zar, Metternich und Guizot, französische Radikale und deutsche Polizisten.“ (Manifest der Kommunistischen Partei. Veröffentlicht im Februar 1848, London [1848], S. 3) Marx und Engels sinnierten für den Rest ihres Lebens darüber, wie das Gespenst des Kommunismus in den Köpfen besiegt werden könne und gaben die Hoffnung nicht auf, den kommunistischen Idealen zum Sieg zu verhelfen. Doch trugen sie zugleich auch zur Vision eines anderen Gespensts bei: zur Angst vor Russland.

„Moskau ist in der scheußlichen und erbärmlichen Schule mongolischer Sklaverei aufgewachsen und großgezogen worden. Seine Stärke erwarb es nur dadurch, dass es in den Fertigkeiten des Sklaventums zum Virtuosen wurde.“ („Der letzte Wille des Dschingis Khan“, in: Der Spiegel 16.5.1977) Marx und Engels belegten Russland mit den Attributen des seit der Antike tradierten Stereotyps „orientalische Despotie“ und warnten vor „der Feigheit der Staatsmänner des Westens“ so ähnlich, wie wir heute allerorts Warnungen vor den Putin-Verstehern hören. Russland sei „von jeher wegen der Geduld und Großmut seines ‚erhabenen Herrschers‘ gepriesen“ worden, „der sich nicht nur herabließ, die nackte, schmachvolle Unterwürfigkeit der Kabinette des Westens zu decken, sondern auch noch die Großherzigkeit besaß, die Türkei nur Stück für Stück, statt auf einmal zu verschlucken.“ (Karl Marx in New-York Daily Tribune Nr. 3819 vom 14. 7. 1853, zit. nach Karl Marx / Friedrich Engels: Rußlands Drang nach Westen. Der Krimkrieg und die europäische Geheimdiplomatie im 19. Jahrhundert, Zürich 1991, S. 31) Vor der vermeintlichen russisch-orientalischen Despotie sollte diesmal das Osmanische Reich geschützt werden, aber nicht nur das: Ein halbes Jahrhundert nach der damals letzten Invasion nach Russland aus dem Westen, sollte nun auch Europa vor Russland geschützt werden. Sei es „anzunehmen, daß diese bis ins Riesenhafte gewachsene und ausgedehnte Großmacht auf halbem Wege stehenbleiben wird, wenn sie schon auf dem Wege ist, ein Weltreich zu werden?“, fragte 1853 Friedrich Engels in der Zeitung New-York Daily Tribune, vorgeblich dabei von sachlichen Überlegungen geleitet:

„Durch die Annexion Griechenlands und der Türkei gewinnt sie ausgezeichnete Seehäfen, und die Griechen beliefern sie mit geschickten Seeleuten für ihre Kriegsflotte. Durch die Gewinnung Konstantinopels steht sie an der Schwelle zum Mittelmeer; durch den Besitz von Durazzo und der albanischen Küste von Antivari bis Arta ist sie direkt im Mittelpunkt der Adria, in Sichtweite der britischen Ionischen Inseln und 36 Stunden Dampferfahrt von Malta entfernt. Und da Rußland die österreichischen Besitzungen dann von Norden, Osten und Süden umschlossen haben wird, so kann es auch die Habsburger zu seinen Vasallen zählen. Noch etwas wäre möglich, ja sogar wahrscheinlich. Die zerrissene und gewundene Westgrenze des Reichs, die nicht mit einer natürlichen Grenzlinie zusammenfällt, würde einer Berichtigung bedürfen, und es würde sich herausstellen, daß die natürliche Grenze Rußlands von Danzig oder etwa Stettin bis Triest geht. Und so gewiß eine Eroberung der anderen folgt und eine Annexion die andere nach sich zieht, so gewiß würde die Eroberung der Türkei durch Rußland nur das Präludium zur Annexion Ungarns, Preußens, Galiziens sein und zur schließlichen Verwirklichung jenes slawischen Reiches führen, von dem manche fanatische panslawistische Philosophen träumten.“ (Friedrich Engels am 12. 4.1853, ebenda S. 25-28)

Russland sei „entschieden eine Eroberernation und war es auch ein ganzes Jahrhundert lang“, meinten die Gründungsväter der noch bis heute von vielen gefürchteten kommunistischen Ideologie und popularisierten das Bild eines dichotom zweigeteilten europäischen Kontinents. Die revolutionäre Bewegung von 1789 habe Russland „einen furchtbaren Gegner voll mächtiger Tatkraft“ entgegengestellt:

„Wir meinen die europäische Revolution, die Explosivkraft der demokratischen Ideen und den der Menschheit angeborenen Drang nach Freiheit. Seit jener Epoche gab es tatsächlich bloß zwei Mächte auf dem europäischen Kontinent: Rußland mit seinem Absolutismus auf der einen Seite, die Revolution mit der Demokratie auf der andern.“

Hierin stimmen die Interessen der revolutionären Demokratie und die Englands überein, schrieb 1853 Friedrich Engels, „weder die einen noch die andern können es dem Zaren gestatten, daß Konstantinopel zu einer seiner Hauptstädte wird, und wenn es zum Äußersten kommt, werden wir sehen, daß beide ihm gleichermaßen energischen Widerstand leisten werden.“ (Friedrich Engels am 12. 4.1853, ebenda S. 28)

In der Mitte des 19. Jahrhunderts konnten solche Bilder als tiefsinnige politische Analysen erscheinen. Doch ähneln sie vielerlei Äußerungen späterer Politiker, Publizisten oder Historiker so sehr, dass man sie als Grundlage eines Stereotyps namens Russlands Drang nach Westen betrachten kann; unter einem solchen Titel wurden die hier zitierten Texte von Karl Marx und Friedrich Engels im Jahre 1991 herausgegeben. Auf dem Umschlag ist von der vermeintlich „prognostischen Beschreibung des russischen Expansionsdrang nach Westen“ die Rede, aber es wurde auch auf einen Wandel hingewiesen, und zwar „welch radikale Kehrtwendung die Moskauer Außenpolitik seit Gorbatschow erfahren hat“. Dagegen finden wir bald danach in einem wissenschaftlichen Sammelband Rußland in Europa? einen warnenden Hinweis auf vermeintliche Kontinuitäten:

„In den total abhängigen Volksdemokratien probte Moskau die geistige Sowjetisierung von ganz Europa. Die Situation änderte sich grundsätzlich nach dem Zusammenbruch des Kommunimmus. Niemand ist heute so unvernünftig, die Ambitionen von Stalin und Chruschtschow, Breshnew und Andropov zu artikulieren. Trotzdem hat das klassische Modell einer russischen Dominanz oder starken Präsenz in Europa – trotz des jämmerlichen Zustands Rußlands – auch heute seine Verfechter. […] Alles in allem bleibt, wenn der Ausdruck erlaubt ist, ein gewisser Drang nach Westen als dauerhafte Komponente des russischen außenpolitischen Diskurses. Eine besondere Rolle kommt Ostmitteleuropa und Südosteuropa zu.“ (Assen Ignatow: Europa im russischen Diskurs. Die neueste Phase einer alten Debatte, in: Rußland in Europa? Innere Entwicklungen und internationale Beziehungen – heute, hg. v. Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien, Köln et al. 2000, S. 25-36, hier S. 31)

Das Bild eines russischen Drangs nach Westen wird seit Generationen unterschiedlich formuliert und begründet. Als Ursachen dieses Drangs finden sich vielerlei Hinweise, mal auf den Expansionismus russischer imperialer Traditionen, mal auf Panslawismus; eine Zeit lang stand im Mittelpunkt der Kommunismus; heute ist häufig vom vermeintlichen Bestreben die Rede, geographisch die Sowjetunion sowie deren Weltgeltung wiederherzustellen. Im Mittelpunkt stehen jedoch stets Bilder eines fremdartigen, bedrohlichen und expansionistischen Staates, dessen Herrscher und Bürger in einer patriotischen Symbiose leben und (zu) stolz ihre Siege erinnern und feiern. Die dagegen für Russland demütigenden Erinnerungen an die fast regelmäßig sich wiederholenden Invasionen Russlands vom Westen her, sei es seitens Polens Anfang des 17. Jahrhunderts, Schwedens im 18. und der napoleonischen Armeen im frühen 19. Jahrhundert, der britisch-französisch-amerikanischen Intervention in den Bürgerkrieg nach der Oktoberrevolution vor gerade einmal 100 Jahren oder der deutschen Invasion von 1941-1945 sind im Westen wenig bekannt. Da sie dem gängigen westlichen Stereotyp vom russischen Drang nach Westen widersprechen, werden sie dort weder berücksichtigt noch erinnert.

Die oben zierten Russland-Bilder von Karl Marx und Friedrich Engels wurden während eines Krieges auf der Krim geschrieben. Heute spricht man abermals viel über die Krim, aber wenig über jenen Krieg in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als britische und französische Truppen auf der Krim landeten, Sevastopol belagerten und als selbst die ersten beiden Apostel der marxistischen Gerechtigkeit bereit waren, aus Angst vor Russland mit den Feinden des Kommunismus eine Allianz zu schließen. Woher kam diese Angst der beiden zweifellos nicht stumpfsinnigen oder feigen Autoren? Mit Sicherheit lässt sich nur sagen, dass sie keine ausgewiesene Kenner der russischen Welt und ihre Russland-Bilder keineswegs originell waren. Ganz offensichtlich machten sie sich in diesem Falle nur die in ihrer Zeit gängigen Russland-Bilder zu eigen. Dennoch wurden selbst eineinhalb Jahrhunderte später, nach dem Zerfall der Sowjetunion und aller anderen kommunistischer Diktaturen in Europa, die lange tradierten Stereotypen über den Kommunismus und über Russland in der Öffentlichkeit westlicher Staaten nicht kritisch aufgearbeitet. So nimmt es nicht wunder, dass amorphe Ängste vor Russland auch weiterhin sowohl die Politik als auch viele mental maps mitbestimmen. Inwieweit sie zu den Ursachen der heutigen Russland-Politik gehören, ist damit noch keineswegs geklärt.

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Dass sich im Falle der Russland-Stereotypen rhetorische Kontinuitäten in der Politik sowie im Diskurs der westlichen Staaten bemerkbar machen und Ängste vor Russland schüren, ist allerdings schon allein eine bedenkenwerte Feststellung. Angst pflegt erfahrungsgemäß selten ein guter Ratgeber zu sein, aber am gefährlichsten ist der politische Kurzschluss, aus Angst auf Härte und nicht auf Denken, Reden und Diplomatie zu vertrauen. So hat etwa der polnische Politiker Jarosław Kaczyński unter Hinweis auf die russische „Krim-Annexion von 2014 und die jahrhundertelange imperiale Geschichte des großen Nachbarn“ seine Devise verkündet: „Russland dringt dort ein, wo etwas weich ist. Wenn wir uns diesem Staat gegenüber hart präsentieren, dann sinkt das Risiko der Bedrohung.“ (Polen macht russische Grenze dicht, in: RP Online 8.8.2016) Wie erfolgreich sich Polen mit Härte und militärischer Macht im Falle ernsthafter kriegerischer Konflikte gegen Russland schützen könnte, sei dahin gestellt, aber mit Sicherheit wäre es auch für Jarosław Kaczyński empfehlenswert, zu allererst die eigenen Ängste zu überdenken, bevor politische Entscheidungen getroffen werden.

Über die eigenen Ängste kann man ohne die Erkenntnisse der Historischen Stereotypenforschung kaum sinnvoll nachdenken. Leider hat sich in diesem Bereich eine systematische Forschung noch nicht etabliert. Es liegen jedoch umfangreiche historische Forschungen vor, die gerade heute eine sorgfältige kritische Reflexion der gängigen Russland-Bilder dringend empfehlen. „Die Russlandwahrnehmung in Westeuropa changiert seit der Frühen Neuzeit zwischen Russophobie – der Angst vor dem aggressiven, unberechenbaren, barbarischen Bären – und Russophilie – der Liebe zur unergründlichen ‚russischen Seele‘“, konstatierte im Jahre 2015 der Historiker Andreas Kappeler in der ZEIT:

„Die meisten der bis heute wirksamen Russland-Stereotype allerdings sind früheren Ursprungs. Sie stammen aus dem 19. Jahrhundert, als russophobe Strömungen eine erneute Konjunktur erlebten. So schrieb etwa der preußische Historiker Leopold von Ranke 1827: ‚In der Tat gehen uns Neuyork und Lima näher an als Kiew und Smolensk.‘ Russland wurde ‚orientalisiert‘. Es war in den Augen vieler westlicher Autoren das fremde ‚Andere‘, das der westlichen Zivilisation gegenüberstand. Nicht zuletzt der angebliche Ausspruch Napoleons, dass man am Russen nur kratzen müsse, um den Tataren zu finden, stand dafür Pate.“ (Andreas Kappeler: Russland und Europa. In Hassliebe vereint, in: Die Zeit 25.8 2015)

Der amerikanische Historiker Larry Wolff ist zu Beginn der 1990er Jahre mit seinem Buch Inventing Eastern Europe: The Map of Civilization on the Mind of the Enlightenment international bekannt geworden. Darin machte er seine Leser umfassend mit jenen Traditionen von Stereotypen über Russland bekannt, aus denen die soeben erwähnte Russophobie des 19. Jahrhunderts stammte.

Larry Wolffs Buch weist nach, dass es sich keineswegs um ein auf Russland allein beschränkbares Problem handelt. Die Russland-Stereotypen waren ein Bestandteil der problematischen Bilder des gesamten östlichen Teils des europäischen Kontinents und namentlich aller slawischen Völker in der Öffentlichkeit ihrer westlichen Nachbarn: „There is between France and Russia a Chinese wall – the Slavonic language and character. In spite of the notions which Peter the Great has inspired the Russians, Siberia commences on the Vistula“, meinte etwa der berühmte französische Autor Astolphe Marquis de Custine (1790-1857) im Jahre 1839, und Larry Wolff erläuterte:

„With almost erotic fascination he studied ‚the men of pure Slavonic race,‘ gazing deep into their eyes of ‚oval Asiatic shape‘ and detecting the subtlest nuances in expression in ‚those changing hues, which vary from the green of the serpent, and the gray of the cat, to the black of the gazelle, though the ground color still remains blue. His gaze was triumphant over their eyes, as Custine warned his readers that ‚it is here only too easy to be deceived by the appearances of civilisation,‘ advising them that with studious attention to manners ‚you perceive the existence of a real barbarism‘.“ (Larry Wolf: Inventing Eastern Europe: The Map of Civilization on the Mind of the Enlightenment, Stanford CA 1994, S. 364)

Die Europäer hatten nämlich große Schwierigkeiten in Konfrontation mit den wirtschaftlich und politisch rückständigen Teilen des Kontinents und neigten zu einer herablassenden Exotisierung von allerlei Ländern und Völkern, die den eigenen, westlichen Autostereotypen nicht entsprachen. So weist Larry Wolf auch auf einen Satz von de Custine als ein exemplarisches Beispiel des symbiotischen Zusammenhangs zwischen Hetero- und Autostereotypen hin: „I do not reproach the Russians for being what they are, what I blame in them is, their pretending to be what we are.“ (Ebd. S. 364)

De Custine beschrieb in seinen Reisebericht La Russie en 1839 das Land als expansionistische und despotische Macht, die die freiheitliche Kultur und das nicht-orthodoxe Christentum bedrohe. Sein Buch erschien umgehend in sechs Auflagen in Frankreich und bald in deutscher, dänischer und englischer Übersetzung und es ist anzunehmen, dass es auch von Karl Marx und Friedrich Engels gelesen wurde. Wie Larry Wolff nicht entgangen ist, wurde es aber auch sofort nach dem Zerfall der kommunistischen Regime in den USA neu aufgelegt, pikanterweise mit der Empfehlung eines der einflussreichsten amerikanischen außenpolitischen Strategen unserer Zeit Zbigniew Brzeziński (1928-2017): „No Sovietologist has yet improved on de Custine’s insights into the Russian character and the Byzantine nature of the Russian political system.“ (Ebd. S. 365) So wurden alte russophobe Stereotypen weiter verbreitet und mit Hilfe eines anderen alten Stereotyps – „the Byzantine nature“ – legitimiert, anstatt dass sie kritisch aufgearbeitet wurden und das paradoxerweise selbst von Angehörigen jener Völker, wie etwa Polen, die selbst unter fortlebenden Stereotypen aus derselben Tradition leiden.

Ohne die Erkenntnisse der Historischen Stereotypenforschung stehen Menschen politischer Propaganda wehrlos gegenüber. Erst das Bewusstsein der einschlägigen rhetorischen Traditionen hilft uns, Stereotypen von sachlich begründeten Aussagen zu unterscheiden. Als unreflektierter Bestandteil individueller mental maps trüben sie dagegen unseren Blick, schränken unsere Wahrnehmungsfähigkeit ein und führen unser Denken auf Irrwege. Im öffentlichen Raum haben Stereotypen als hohle Redewendungen einen langen Atem, mal scheinen sie die Bühnen zu verlassen, mal treten sie wieder vom neuen auf. Wenn sie nicht kritisch reflektiert werden, können sie politische Entscheidungen schwer belasten.

Marcus Papadopoulos untersuchte in seiner Dissertation aus dem Jahre 2010 „how the British ‚official mind‘, as represented by the Cabinet, the Foreign Office, the military, the intelligence community and a circle of established journalists, viewed the prowess of the Red Army over the period from 1934 to 1945“. Die Einschätzungen der sowjetischen militärischen Kraft stellten zweifellos einen wichtiger Faktor für die Formulierung und Entwicklung der britischen Außenpolitik dar, und diese Studie zeigt, welch folgenschwere Rolle dabei Stereotypen spielten:

The ethnic stereotyping of Russians figured prominently in reports by observers, especially from the military, which assessed the Soviet armed forces in the period under consideration. It is a major contention of this thesis that racial prejudices distorted the judgment of many officers. Britain‘s concessionary policy to Nazi Germany in the mid and late 1930s was bolstered by the views of officers who reported that the Red Army was incapable of modem offensive warfare partially because it was composed of Slavs, a race whom they considered to be inferior to Anglo-Saxons.“ (Marcus Papadopoulos: British Official Perceptions of the Red Army, 1934-1945, Dissertation Royal Holloway, University of London 2010, S. 409f.)

Papadopoulos erläuterte detailliert, wie sich die Wirkung von Stereotypen in den Wahrnehmungen einzelner Armeeangehöriger, Offiziere, Parteifunktionäre und staatlicher Amtsträger sowie Diplomaten bemerkbar machte, aber auch in den Interpretationen politischer und diplomatischer Entscheidungen. Somit prägten sie auch die britischen politischen Entscheidungen gegenüber dem NS-Regime sowie in unterschiedlichen Perioden des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegspolitik mit:

„On account of their prejudices, officers did not believe that the Russians on their own could have defeated a German war machine which they had considered to possess customary Teutonic proficiency. As the Soviet army began moving westwards from late 1943 onwards many officers believed that this advance represented the descent of Bolshevism and Asiatic savagery on Europe. This view was reinforced further by accounts which documented Soviet atrocities against German and East European civilians, and which described Red Army soldiers as undisciplined, filthy and exceptionally brutal. The concerns of officers strengthened the fear of the British authorities that the USSR could become a threat to the British Empire and Western Europe.“ (Ebd. S. 411)

Der Verfasser wies aber auch nach, wie unterschiedlich die tradierten Stereotypen in verschiedenen Milieus wirkten. So hob er beispielsweise den merkbar engeren Wirklichkeitsbezug der Diplomaten im Vergleich zu den Militärs hervor. Ebenso verwies er auf die Geschichte jener Stereotypen, die er untersucht hat. Die Bilder von Russland als „threat to European civilisation“ machten sich schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert in der britischen Presse bemerkbar, wie etwa die Warnung des bekannten Journalisten und Schriftsteller Oliver Goldsmith (1728-1774) veranschaulicht: „I cannot avoid beholding the Russian empire as the natural enemy of the more western parts of Europe; as an enemy already possessed of great strength, and, from the nature of the government, everyday threatening to become more powerful.“ Dazu fügte Papadopoulos am Ende seiner Studie trocken hinzu: „Many observers during this study would echo similar concerns relating to a perceived Russian danger to Europe. Following the Soviet advance into Europe in 1944 military observers in particular warned that Asiatic barbarism was threatening the independence and freedom of Europe.“ Die oben aufgeworfene Frage nach den Ursachen des Kalten Krieges und namentlich wie weit die Angst vor Russland an seiner Wiege stand, verdient ganz offensichtlich gerade heute eine besondere Aufmerksamkeit: Wer hatte damals im Westen Angst vorm Kommunismus und wer vor Russland? Oder wurde die Rhetorik der Angst vor der kriegszerstörten Sowjetunion, die soeben 27 Millionen ihrer Staatsbürger verloren hatte, mit Hilfe altvertrauter Stereotypen nur benützt, um reale politische Ziele zu verfolgen?

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In komplexen Entscheidungsprozessen stellen Stereotypen natürlich nicht die einzige treibende Kraft dar. Unterschiedliche Gruppierungen treffen ihre Entscheidungen aus unterschiedlichen Motiven und verfolgen unterschiedliche Ziele und Interessen auch dann, wenn sie kompromissbereit konsensuale Entscheidungen unterstützen. Auf jeden Fall würde ein geschärftes Bewusstsein für die Historische Stereotypenforschung helfen, die Verbreitung von blinden Ängsten vor Russland zu stoppen und sachliche Debatten sowohl über Russland als auch über die westliche Russland-Politik zu ermöglichen. Nur eine breite öffentliche Aufarbeitung der seit Jahrhunderten tradierten Russland-Stereotypen kann helfen, aus der gegenwärtigen Sackgasse in den Beziehungen der Atlantischen Allianz zu Russland heil herauszukommen.

 

Weiterführende Literatur:

 John Howes Gleason: The Genesis of Russophobia in Great Britain: A Study of the Interaction of Policy and Opinion (1950)

David C. Engerman: Modernization from the Other Shore: American Intellectuals and the Romance of Russian Development (2003) und Ders.: Know Your Enemy: The Rise and Fall of America’s Soviet Experts (2009)

Marianna Butenschön: Zarenhymne und Marseillaise. Zur Geschichte der Rußland-Ideologie in Frankreich (1870/71-1893/94) (= Kieler Historische Studien Bd. 24, 1978)   Feindbilder im Wandel. Von der Antike bis zum Feindbild Sowjetunion. Begleittext mit Abbildungen zu einer Wanderausstellung der Initiative „Kulturwissenschaftler für Frieden und Abrüstung in Ost und West” eröffnet am 26.11.1989 im Stadtmuseum zu Erlangen (Bielefeld 1989)

Andrzej Kępinski: Lach i Moskal. Z dziejów stereotypu (Warszawa-Kraków 1990)

Horst-Eberhard Richer (ed.): Russen und Deutsche. Alte Feindbilder weichen neuen Hoffnungen (1990)

Hans-Erich Volkmann (ed.): Das Rußlandbild im Dritten Reich (1994)

Ezequiel Adamovsky: Euro-Orientalism. Liberal Ideology and the Image of Russia in France (c. 1740-1880) (= French Studies of the Eighteenth and Nineteenth Centuries vol. 19, 2006) Christiane Bimberg: Reise nach Moskowien. Russlandbilder aus dem Kalten Krieg (2006)

Antonina Zykova: Zaren, Bären und Barbaren. Das mediale deutsche Russlandbild am Anfang des 21. Jahrhunderts und seine historischen Wurzeln (= Studien zur Geschichte ost- und Ostmitteleuropas Bd. 11, 2014)

West-Östliche Spiegelungen, zehn Bände (1985 bis 2006): Reihe A, hrsg. von Lew Kopelew und Mechthild Keller

Bd. A1: Russen und Rußland aus deutscher Sicht. 9.–17. Jahrhundert (1985)

Bd. A2: Russen und Rußland aus deutscher Sicht. 18. Jahrhundert: Aufklärung (1987)

Bd. A3: Russen und Rußland aus deutscher Sicht. 19. Jahrhundert: Von der Jahrhundertwende bis zur Reichsgründung (1991)

Bd. A4: Russen und Rußland aus deutscher Sicht. 19./20. Jahrhundert: Von der Bismarckzeit bis zum Ersten Weltkrieg (1999)

Bd. A5: Deutschland und die Russische Revolution 1917–1924 (hrsg. von Lew Kopelew und Gerd Koenen (1998)

Reihe B, hrsg. von Lew Kopelew und Dagmar Herrmann

Bd. B1: Deutsche und Deutschland aus russischer Sicht. 11.–17. Jahrhundert (1988)

Bd. B2: Deutsche und Deutschland aus russischer Sicht. 18. Jahrhundert: Aufklärung (1992)

Bd. B3: Deutsche und Deutschland aus russischer Sicht. 19. Jahrhundert: Von der Jahrhundertwende bis zu den Reformen Alexanders II. (1998)

Bd. B4: Deutsche und Deutschland aus russischer Sicht. 19./20. Jahrhundert: Von den Reformen Alexanders II. bis zum Ersten Weltkrieg (2006)

 

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