von Christin Hansen und Jessica Holzhausen

9 Minuten. Festgehalte von Zeugen der Verhaftung. Polizisten drücken George Floyd zu Boden, Derek Chauvin kniet auf seinem Nacken. „I can’t breathe!“ Der verzweifelte Ausruf des Sterbenden wird kurze Zeit später millionenfach geteilt. Der Mord an George Floyd ist der Zündfunke für Proteste zunächst in den USA, dann in anderen Ländern weltweit – die meisten mit einer kolonialen Vergangenheit und einer Geschichte geprägt von unterschwelligem Rassismus. Die Polizeigewalt in den USA ist dabei nicht die Ursache, sondern ein Symptom eines größeren und lange ignorierten Problems: eine von Stereotypen geprägte koloniale Geschichte beeinflusst bis heute oft unbewusst unser Denken und prägt den öffentlichen Raum – durch Statuen, Straßennamen oder die Benennung von kulturellen und wissenschaftlichen Einrichtungen nach Stiftern oder Mäzenen, die selbst eine umstrittene Biographie haben.

„Statues are not history in the sense of having significant pedagogical value. They are political symbols, which drift in or out of favour along with political and aesthetic tastes.“ (Alex von Tunzelmann, Rhodes Must Fall? A Question of When Not If )

Die Dominanz des Unterdrückers im öffentlichen Raum

Es war ein symbolträchtiges Bild: Im Rahmen der Black Lives Matter Demonstration in Bristol kippten Demonstranten die Statue des Sklavenhändlers Edward Colston von ihrem Sockel, schleppten sie zur Hafenkante und stürzten sie ins Wasser. Dies war ein doppelt bedeutsames Bild, denn es war eine gängige Praxis auf Sklavenschiffen, Sklaven über Bord zu werfen, gab es beispielsweise eine Knappheit an Trinkwasser – wie 1781 auf dem Sklavenschiffs Zong geschehen.

„The historical symmetry of this moment is poetic. A bronze effigy of an infamous and prolific slave trader dragged through the streets of a city built on the wealth of that trade, and then dumped, like the victims of the Middle Passage, into the water. Colston lies at the bottom of a harbour in which the ships of the triangular slave trade once moored, by the dockside on to which their cargoes were unloaded“,

schreibt Historiker David Olusoga im Guardian. Colston war stellvertretender Vorsitzender der Royal African Company, die geschätzt 84.000 Sklaven von Afrika in die Kolonien verschiffte. Rund 19.000 von ihnen starben an Bord der Schiffe.

„The bodies of the dead were cast into the water where they were devoured by the sharks that, over the centuries of the Atlantic slave trade, learned to seek out slave ships and follow the bloody paths of slave routes across the ocean“, schreibt der Historiker.

Der Sturz der Statue ist eine Rückeroberung des öffentlichen Raums unter anderem durch die Nachfahren derjenigen, die Colston und andere Sklavenhändler festgekettet an Bord ihrer Schiffe nicht nur in die Kolonien, sondern auch nach England gebracht hatten – unter anderem nach Bristol. Dass Demonstranten die Statue eigenhändig entfernten, ist das Resultat lang anhaltender erfolgloser Proteste und Kampagnen, die Statue zu entfernen oder zumindest durch eine Gedenktafel an die Verbrechen zu erinnern. Erst 2019 war das Anbringen einer Tafel an der Society of Merchant Venturers in Bristol gescheitert, die darauf bestanden hatte, den Text zu verwässern.

Ein ähnliches Beispiel ist „Rhodes Must Fall“, eine Initiative die zunächst in Südafrika startete und dann 2015 – und 2020 erneut – auch in Oxford heftige Debatten und Proteste auslöste. Rhodes war mitverantwortlich für Krieg, Plünderungen und den Tod Tausender im heutigen Südafrika – gleichzeitig aber war er ein großzügiger Stifter für die Universität Oxford und so ragt seine Statue seit 1911 an der Fassade des Oriel Colleges in der zentralen High Street von Oxford. „As the controversy over the statue of Cecil Rhodes at Oriel College, Oxford shows, imperial legacies may be contested many generations later“, schrieb Alex von Tunzelmann 2016 in History Today (https://www.historytoday.com/history-matters/rhodes-must-fall-question-when-not-if) Bislang erfolglos haben die Studenten der Rhodes Must Fall Kampagne gefordert, die Statue zu entfernen und statt dessen in ein Museum zu überführen.

An anderer Stelle haben die Proteste Wirkung gezeigt: Die Stadt London entfernte die Statue von Sklavenhändler Robert Milligan vom West India Quay. „It’s a sad truth that much of our wealth was derived from the slave trade – but this does not have to be celebrated in our public spaces“, so Bürgermeister Sadiq Khan auf Twitter.

In Antwerpen wurde die Statue von König Leopold II. abmontiert, nachdem Demonstranten sie zuvor in Brand gesteckt hatten:

Unter Leopolds Regime im Kongo-Freistaat (1885 – 1908) starben rund 10 Millionen Menschen durch Mord, Krankheit und Hunger. Ein System von Sklaverei und Zwangsarbeit war in der Privatkolonie des belgischen Königs die Basis für die Kautschukgewinnung: Nichterfüllung der Quote konnte mit dem Tode bestraft werden.[i]

Nur wenige Denkmäler gedenken der Opfer des Kolonialismus

Statuen, die an die Geschichte und das Leid von Sklaverei und Kolonialismus erinnern, sind bis heute grundsätzlich ein seltenes Phänomen. In Großbritannien, lange Zeit dominant im Sklavenhandel, erinnert allein die Statue „Captured Africans“ von 2005 an die versklavten Menschen, die britische Sklavenhändler von Afrika in die Kolonien schifften. Die Statue steht in Lancaster: Die Stadt hatte sich bis zum Verbot des Sklavenhandels im britischen Empire als eine der wichtigsten Hafenstädte für den transatlantischen Sklavenhandel entwickelt. Zwischen 1750 und 1790 waren Händler aus Lancaster für die Versklavung und Verschiffung von rund 29.000 Menschen verantwortlich.

Deutschland tut sich ebenfalls schwer mit dem Gedenken an die koloniale Vergangenheit. Das Massaker an Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika[ii] erkannte die deutsche Regierung erst 2016 als Völkermord an. Eines der wenigen Denkmale, das an die Geschichte der deutschen Kolonialhoheit in Namibia erinnert, ist ausgerechnet ein Gedenkstein auf dem Friedhof Columbiadamm in Berlin-Neukölln, ursprünglich zum Gedenken an die sieben Gefallenen der „deutschen Schutztruppe“ errichtet. Erst nach Protesten wurde 2009 eine Plakette ergänzt, die an den Völkermord erinnert. Ebenfalls 2009 entstand in Bremen neben dem Antikolonial-Denkmal ein Erinnerungsort zum Gedenken an die Herero und Nama: Das kreisrunde Denkmal besteht aus Steinen aus der Omaheke-Wüste in Namibia, in der viele Herero nach der Niederlage gegen die Kolonialtruppen verdursteten.

Antikolonialdenkmal in Bremen, im Vordergrund: Steine aus der Omaheke-Wüste (Quelle: Wikimedia Commons, CC-License: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en)

Die Omnipräsenz kolonialer Figuren im öffentlichen Raum und das Fehlen ähnlicher Denkmäler für die Opfer ist gleich eine doppelte Diskriminierung: Die Nachfahren der Opfer von Sklaverei und Kolonialismus sind so tagtäglich mit den Sinnbildern der Unterdrückung konfrontiert, werden durch die Gesellschaft aber häufig zur Stimmlosigkeit verurteilt. Der Sturz von Statuen ist damit zeitglich eine Rückeroberung des öffentlichen Raums, ein symbolisches Brechen des Schweigens. Oder wie Historiker David Olusoga über die Statue von Edward Colstoon schreibt: „Yet what repulsed many about the statue was not that it valorised Colston but that it was silent about his victims (…)“

Kritiker am Sturz von Statuen hingegen verweisen auf die vermeintliche Auslöschung der Geschichte. Dabei entstanden die meisten Statuen gar nicht zu Lebzeiten der historischen Person oder kurz danach, sondern im 18. oder 19. Jahrhundert, oft nach Abschaffung der Sklaverei, aber zu einem Zeitpunkt als man versuchte, dem existierenden Rassismus und Kolonialdenken in Form von Rasselehren ein vermeintlich wissenschaftliches Fundament zu geben. So errichtete die Stadt Bristol die Statue Edward Colstons erst 1895, ganze 174 Jahre nach seinem Tod.

Denkmäler sind keineswegs unpolitisch oder kontextlos, vielmehr war die Errichtung von Statuen oft eng verbunden mit dem politisch-gesellschaftlichen Kontext zum Zeitpunkt ihrer Errichtung. Sie entstanden mit einer Intention und dem Willen der Öffentlichkeit ein bestimmtes, ideologisch vorgeprägtes Bild der Geschichte zu präsentieren. In den 1890ern zum Beispiel bestanden in England große Sorgen über die Zukunft des Britischen Empires: Nie zuvor hatte es sich über eine derart große Fläche ausgestreckt, gleichzeitig aber wuchs der wirtschaftliche Druck von allen Seiten. Deutschland und die USA hatten einen massiven wirtschaftlichen und industriellen Aufschwung, der Englands Vorreiterrolle als Industrienation bedrohte. Zudem hatten auch andere Länder wie Frankreich oder Deutschland zunehmende koloniale Ambitionen – man denke hier an den deutschen „Platz an der Sonne“. Und in diesem Kontext entstand auch die Statue von Edward Colston: „(…) its original creation was a piece of historical revisionism that sought to bolster British confidence and supremacy“, schreibt Historikerin Hannah Rose Woods im New Statesman.

Und mit dem Fall der Statue ist der Name keinesfalls aus dem Stadtbild verschwunden, denn es sind weiterhin Schulen und Gebäude nach dem Sklavenhändler benannt, unter anderem die Colston Hall, Bristols größte Konzerthalle. Als die Konzerthalle 2017 ankündigte, ihren Namen ändern zu wollen, erklärten einige Konzertgänger*innen, sie würden die Hall in Zukunft boykottieren.

Rassismus und koloniale Stereotype sind kein Phänomen der Vergangenheit

Ein Blick in Reiseberichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zeigt, wie koloniale Stereotype schon damals in öffentlichen Debatten präsent sind.

Deutscher Kolonialherr in Togo, ca. 1885

Romane und Reiseberichte oder Werbeplakate aus dem 19. Jahrhundert und frühen 20. Jahrhundert sind gefüllt mit Abbildungen im zeitgenössischen kolonialen Stil: Die Bewohner der afrikanischen Kolonien werden oftmals stereotyp mit dicken Lippen und nackt abgebildet, als zurückgeblieben und unzivilisiert bezeichnet oder gar mit monströsen Abartigkeiten gleichgesetzt. Es wird wiederholt auf ihre vermeintliche Ähnlichkeit mit Affen hingewiesen, wodurch sie eher der tierischen, als menschlichen Lebenswelt zugeordnet werden. Dahinter verbirgt sich nicht nur eine Erhöhung des eigenen Selbst, sondern ebenso die Legitimation für koloniale Bestrebungen, Unterdrückung und Gewalt gegen die kolonisierte Bevölkerung. Es wird ihnen das Recht auf Menschlichkeit in nahezu jeder Hinsicht aberkannt. Beispielsweise schildert Gräfin Ida von Hahn-Hahn in ihrem Reisebericht 1843/44 einen Besuch auf den Sklavenmarkt folgendermaßen:

„Nimm Deine Einbildungskraft zusammen, stelle Dir Monstra vor, und Du bleibst noch weit hinter den Negerinnen zurück von denen dich Dein beleidigtes Auge mit Widerwillen abwendet. […] Hier gibt es nur Schwarze, und mit diesem unholden Anblick mußt Du dich begnügen. […] dann die Nase, die ohne Nasenbein eine unförmliche Masse zu sein scheint, dann der Mund mit der affösen thierischen Bildung der vorspringenden Kinnladen, und mit den klaffenden schwarzen Lippen […] dann die langfingerigen äffischen Hände […] dann, und am Meisten, das unerhört Thierische der ganzen Erscheinung, Form und Ausdruck inbegriffen.“
(Hahn-Hahn, Ida Gräfin: Orientalische Briefe, Drei Bände, Berlin 1844, Erster Band, S. 175f.)

Die erste, reflexartige Reaktion heutiger Leser ist oft, dass es sich bei diesen Darstellungen um nichts weiter als eine inzwischen abgeschlossene und aufgearbeitete Vergangenheit handeln würde, die unsere moderne Gesellschaft längst überwunden hat: Man hätte es damals ja nicht besser gewusst oder es sei halt zeitgenössisches Wissen gewesen, welches heute selbstverständlich nicht mehr gelte. Diese Argumentation blendet unter anderem zeitgenössische Kritiker von Sklavenhandel und Rassenideologie aus und zeigt eine mangelnde Reflektion im Umgang mit Geschichte in der Gegenwart.

Kommen wir noch einmal zurück auf das Beispiel Rhodes Must Fall. Auch hier verweisen diejenigen, die sich für einen Verbleib der Statue aussprechen, darauf, Cecil Rhodes sei ein Kind seiner Zeit gewesen und man könne ihn daher nicht an heutigen Maßstäben messen. Doch: „For all the talk now that Rhodes was a ‘man of his time’, he was profoundly controversial when he was alive: loathed by the peoples whose lands he colonised and by his rivals the Boers, disdained by many in Britain, who feared his amorality and megalomania.“ (Alex von Tunzelmann)

Man muss nicht tief unter der Oberfläche zu graben, um festzustellen, dass Rassismus und koloniale Attitüden keine Phänomene der Vergangenheit sind. In Berlin wird gerade das Humboldt Forum neu errichtet: Schon kurz nach der deutschen Wiedervereinigung entstanden die ersten Pläne zum Wiederaufbau des alten Berliner Schlosses, die zu Beginn der 2000er dann konkretisiert und vom Bundestag beschlossen wurden. Schon damals wurde der Wiederaufbau kontrovers diskutiert. Als nun vor wenigen Tagen die Kuppel mit dem goldenen Kreuz auf das Bauwerk gesetzt wurde, entstanden erneut kontroverse Debatten darum, inwieweit insbesondere die Kuppel mit dem originalen Schriftzug nicht ein Symbol von Nationalismus und kolonialen Denken und Streben darstellt. Der Schriftzug setzt sich aus zwei Bibelzitaten zusammen, wobei vorrangig die Worte „dass im Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Kniee, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind“ in der Kritik stehen. Zusammen mit dem goldenen Kreuz würden laut der Kritiker*innen christliche Hegemonialvorstellungen zum Ausdruck gebracht, was auch in der Absicht des ursprünglichen Schlossherren Friedrich Wilhelms IV. (1795-1861) lag. So sah Friedrich Wilhelm IV. in der christlichen Religion das Prinzip für gesellschaftliche Ordnung, was sich nicht nur im Bau der Schlosskapelle mit besagter Kuppel im Berliner Schloss wiederfindet, sondern auch in den anderen Bauten des Königs, zum Beispiel der Friedenskirche in Potsdam.

Weiterführende Artikel zum Humboldt Forum

Nicolai, Frank: Berliner Humboldt Forum mit Kreuz gekrönt

Berliner Stadtschloss: Umstrittenes Kreuz auf Humboldt Forum aufgesetzt

Homepage des Humboldt Forums „Was soll das? Das Kreuz auf dem Humboldt Forum“

Eine in den (sozialen) Medien ebenfalls hitzig geführte Debatte, ist die Forderung des Historikers Jürgen Zimmerer in einem Gastbeitrag im Spiegel Geschichte vom 27. Mai 2020, das Robert-Koch-Institut umzubenennen. Die Begründung: Robert Koch hatte in afrikanischen Kolonien an dortigen Bewohnern Experimente durchgeführt, die er in diesem Maße nicht in Berlin hätte durchführen können. Selbst als er die Nebenwirkungen sah und Heilungen ausblieben, hörte er mit seinen Versuchen nicht auf.[iii] Zahlreiche Menschen starben an den Versuchen. Dabei möchte niemand Robert Koch seine Verdienste im Bereich der Naturwissenschaften und Medizin absprechen, allerdings darf dabei auch der Preis nicht vergessen werden, den die unterdrückte Bevölkerung und eben nicht der weiße Kolonialherr zu zahlen hatte.

Und hier wird der Zusammenhang von selektiver Erinnerung, kulturellem Gedächtnis, historischen Stereotypen, Rassismus und Postkolonialismus besonders augenscheinlich. Die durch Jürgen Zimmerer angestoßene Debatte zeigt, wie zugunsten einzelner zukunftsweisenden Leistungen negative und in diesem Falle menschenverachtende Taten ausgeblendet wurden und werden. Stattdessen erinnert man an den Erhalt des Nobelpreises und Robert Kochs Entdeckungen, die im Nachhinein Menschenleben retteten. Stünden die Menschenexperimente an unterdrückten Kolonisierten in Afrika im Fokus, dann müsste man auch eingestehen, dass die Fortschritte in Medizin und Wissenschaft sich eben nicht von der Kolonialgeschichte und den damit verbundenen Opfern trennen lassen.

Dass diese kolonialen Attitüden in der Forschung keinesfalls ein Fall für die Geschichtsbücher sind, zeigten jüngst zwei französische Mediziner: In einem Fernsehinterview zu COVID-19 über Studien mit einem Tuberkuloseimpfstoff, dessen Wirkstoff man auch für COVID-19 testen könne, plädierten sie dafür, diese Studien in Afrika durchzuführen. Die Begründung: Dort gebe es ohnehin keine Masken, keine ausreichende Behandlung und keine Wiederbelebungsmaßnahmen. (https://www.bbc.co.uk/news/world-europe-52151722)

Die mit der kolonialen Geschichte und rassistischen Ideologien verbundenen Stereotype entstanden nicht über Nacht und werden auch nicht über Nacht verschwinden. Durch die selektive Erinnerung aber bleiben die Opfer bis heute stimmlos und werden durch die Überhöhung der Täter im öffentlichen Raum weiter ins Abseits gedrängt – sei es durch die Benennung von wissenschaftlichen oder kulturellen Einrichtungen oder Statuen an öffentlichen Plätzen. Historisch gewachsene Hierarchien und kolonial geprägte stereotype Darstellungen setzen sich somit – oft unbewusst – bis in die Gegenwart fort. Noch immer gibt es in vielen Städten eine Mohrenstraße, die inzwischen gerne einmal durch zwei Punkte zur Möhrenstraße umgeschrieben wird. Bis vor nicht allzu langer Zeit hießen Schaumküsse noch Negerküsse und der Schokoladenhersteller Sarotti warb noch bis 2004 mit der stereotypen Darstellung eines Mohren, bevor man das Logo für eine neue Generation als Magier mit hellerer Haut modernisierte.

Das sind jedoch erst kleine Schritte in dem Prozess der Dekonstruktion jahrhundertealter und gewachsener Stereotype und Hierarchievorstellungen. Die aktuellen Ereignisse zeigen, dass die lange zur Stimmlosigkeit abgeurteilten Gruppen nach einer Stimme verlangen und dabei vor allem in der jungen Bevölkerung Unterstützung finden, wie die Proteste zeigen. Verbunden mit dem Sturz kolonialer „Helden“ von ihrem Sockel ist ein Wandel historisch gewachsener, mentaler Strukturen: Proteste und Debatten sind ein Ausgangspunkt für die Dekonstruktion kolonialer Stereotype, die den weißen Kolonialherr als zentrale Heldenfigur im öffentlichen Raum zelebrieren. Geschichte ist ein fließender Prozess oder wie der bereits zitierte Historiker David Olusoga seinen Artikel überschreibt: „The toppling of Edward Colston’s statue is not an attack on history. It is history.“


[i] Weiterführende Literatur: Hochschild, Adam:  Schatten über dem Kongo. Die Geschichte eines der großen, fast vergessenen Menschheitsverbrechen, Stuttgart 92012.

[ii] Weiterführende Literatur: Jürgen Zimmerer/ Joachim Zeller (Hrsg.): Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904–1908) in Namibia und seine Folgen. Links, Berlin 2003; Zimmerer, Jürgen: Deutsche Herrschaft über Afrikaner. Staatlicher Machtanspruch und Wirklichkeit im kolonialen Namibia (Europa-Übersee. Historische Studien, Bd. 10), Münster 32003.

[iii] Weiterführende Literatur z.B.: Isobe, Hiroyuki: Medizin und Kolonialgesellschaft: Die Bekämpfung der Schlafkrankheit in den deutschen „Schutzgebieten“ vor dem Ersten Weltkrieg (Periplus Studien, Bd. 13), Berlin 2009; Bauche, Manuela: Medizin und Herrschaft. Malariabekämpfung in Kamerun, Ostafrika und Ostfriesland (1890-1919), Frankfurt/ Main 2017.

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